Bersenbrücker Kreisblatt, Ausgabe vom 20. Februar 2012, Seite 18,
Ressort Lokales
Ganztagsschule ein Ort des
Wohlbefindens?
Vortrag an der IGS: Wie
Schule sein sollte
pola
Fürstenau. „Jetzt reden Sie doch mal mit
Ihrem Sitznachbarn über das, was Sie im Alter von zwölf Jahren gemacht
haben, wenn kein Erwachsener dabei war“, schlägt Oggi Enderlein vor und
lächelt die Erwachsenen erwartungsfroh an. Und vielleicht hat die
Diplom-Psychologin mit deren Reaktion gerechnet: Es wird laut in der
Aula der IGS Fürstenau. Es wird getuschelt, es wird gelacht, ein Saal
voller Lehrer schwelgt in Kindheitserinnerungen.
Es ist nach 15 Uhr an diesem Mittwochnachmittag, Schulleitung und
Lehrer sind im Rahmen einer zweitägigen Veranstaltung zum Thema
Ganztagsschule zusammengekommen. Der Nachmittag beginnt mit einem
bunten Theaterprogramm, in dem Schüler zeigen, dass man Schule und
Freizeit sehr wohl miteinander vereinbaren kann - vorausgesetzt, die
Schule schafft hierfür die nötige Zeit und den entsprechenden Raum:
Kunstkurse, Chorproben, kreatives Gestalten und sportliche Aktivitäten
sind dabei nur einige der zahlreichen Möglichkeiten.
Oggi Enderlein ist Leiterin des Projekts „Werkstatt Schule wird
Lebenswelt“ im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ der
Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Außerdem ist die sympathische
Frau Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der „Initiative für Große
Kinder“, das heißt für junge Menschen zwischen sechs und vierzehn
Jahren. Die Psychologin spricht zum Thema „Ganztagsschulentwicklung aus
Sicht der Kinder und Jugendlichen“. „Lassen Sie uns gemeinsam
herausfinden, wie Ganztagsschule sein sollte, damit sich die Schüler
dort wohlfühlen und sich gesund entwickeln können.“ Kinder zwischen
Vorschul- und Jugendalter hierzulande seien weitgehend zu einem Leben
gezwungen, das ihren altersspezifischen Lebensbedürfnissen überhaupt
nicht entspreche. „Aber altersgerechte Bedürfnisbefriedigung ist doch
die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen und eine gesunde
Entwicklung“, betont Oggi Enderlein. Daher sollte Ganztagsschule dafür
genutzt werden, Kindern verloren gegangene Lebensqualität
wiederzugeben. Sie sollte als Chance begriffen werden, „eine Lebenswelt
zu fördern, in der sich Kinder körperlich, sozial und emotional gesund
entwickeln können“.
Werden Kinder gefragt, wie Nachmittagsschule gestaltet werden soll,
wünschen sie sich vor allem viel selbstbestimmte Bewegung und
Aufenthalte an der frischen Luft. „An zweiter Stelle steht der Wunsch,
mit anderen Kindern in Gruppen zusammenzuarbeiten und durch
Projekte mehr über die Welt zu lernen“, erzählt Oggi Enderlein.
Und dann ist da noch das Thema Mobbing - leider allgegenwärtig an
deutschen Schulen. Die Psychologin erklärt, was man tun kann, wenn ein
Kind aus einer Gruppe ausgeschlossen wird. „Das Schlimmste ist, wenn
ein Kind das Gefühl hat, dass die Erwachsenen wegschauen. Es ist
wichtig, auf die Clique zuzugehen und den Kindern zu erklären, dass sie
dem Ausgeschlossenen weh tun.
Dem gemobbten Kind könnte man sagen: „Ich glaube, die anderen haben
extra Dich ausgesucht, weil sie wissen, dass Du das aushalten kannst.“
Das Erstaunliche: Nicht selten erlebt man, dass frühere Mobbingkinder
später Schulsprecher werden. Eben weil sie lernen, Konfliktsituationen
auszuhalten und zu bewältigen. Oggi Enderlein betont immer wieder, dass
vor allem die Beziehung zum Lehrer für Kinder eine nicht zu
unterschätzende, sogar treibende Kraft sei - eine Bezugsperson, an die
sich auch ehemalige Schüler manchmal sogar ein Leben lang
erinnern.
Der Vortrag ist ein Appell an Lehrer und Schulleitung. „Wenn uns
Erwachsenen der Perspektivwechsel gelingt, wird Schule für Kinder
erträglicher und somit auch erfolgreicher werden.“
Informationen im Internet: www.ganztaegig-lernen.de und
www.initiative-grosse-kinder.de
http://www.noz.de/lokales/60957873/vortrag-an-der-igs-fuerstenau-wie-schule-sein-sollte