Osnabrücker Land (Archiv) 10.12.2004

"Das Schulsystem macht Schwächere noch schwächer"

Von Christian Geers
Fürstenau

"Lernen für die Welt von morgen" - das ist der Titel der aktuellen PISA-Studie. Ein Ergebnis: Die Förderung schwacher Schüler gelingt nur unzureichend. "Die Aufbruchstimmung der siebziger Jahr ist verpufft", sagt Karl-Heinz Dirkmann, Leiter der Integrierten Gesamtschule Fürstenau. Das Interview im Wortlaut:
 
Herr Dirkmann, laut PISA II kommt die Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem viel zu kurz. Wundert Sie das?

Dirkmann: Das war doch zu erwarten. Im Grundsatz hat sich seit der so genannten Bildungskatastrophe 1965 nichts Grundlegendes geändert. Das Schulsystem ist geblieben, die gesellschaftlichen Umstände für ein förderndes Lernen haben sich nicht verbessert. Die Ausbildungsmöglichkeiten für Schulabgänger haben sich eher verschlechtert, die gesamte Arbeitssituation in unserer Region von Abbau der Arbeitsplätze geprägt. Die Aufbruchstimmung der siebziger Jahre ist verpufft. Chancengleichheit hat schlichtweg keine Konjunktur.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: In Deutschland gelingt die Förderung schwacher Schüler nur unzureichend. Woran liegt das?

Dirkmann: Wenn Schwächere abgesondert werden, haben sie trotz aller Bemühungen der Lehrer offensichtlich keine Chance. Dies wissen Eltern und versuchen, ihre Kinder vor der Hauptschule zu bewahren. Die Folge ist eine noch größere Konzentration von Lern- und Verhaltensschwachen an Hauptschulen. Was Lehrer dort leisten müssen, ist fast nicht zu leisten. Ich habe Hochachtung vor denen, die dort unterrichten. PISA zeigt sehr deutlich: Unser Schulsystem macht die Schwächeren noch schwächer. Leider.

Sie haben bereits des Öfteren Kritik an der wieder eingeführten Dreigliedrigkeit des niedersächsischen Schulsystems geübt.

Dirkmann: Ob sich durch das Vorziehen der Dreigliedrigkeit wirklich etwas verbessert, bleibt abzuwarten. Die Erfahrung der letzten 40 Jahre stimmt mich da nicht sehr hoffnungsvoll. Ich kann nicht nachvollziehen, dass der Kultusminister als Kommentar zu PISA II auf eine Chimäre Einheitsschule, die es Niedersachsen ja gar nicht gibt, einschlägt und das dreigliedrige System quasi für unantastbar erklärt. Selbstverständlich ist der Unterricht entscheidend, in welchem System auch immer. Aber die Rahmenbedingungen - und dazu gehört auch das Schulsystem - können guten Unterricht befördern oder erschweren. Die gegenwärtigen Bedingungen mit einem Selektieren von Kindern und schlechteren Rahmenbedingungen (größere Klassen, weniger Lehrerstunden) erschweren eher.

Aber die Durchlässigkeit ist doch gesichert...

Dirkmann: In NRW - so eine Untersuchung - steigen 94 % ab und nur 6% auf. Das dürfte in Niedersachsen nicht viel anders sein. Durchlässigkeit gibt es, aber vorwiegend nach unten mit allen Problemen, die damit verknüpft sind. Wirkliche Durchlässigkeit ist nur in einem System möglich, das allen Kindern gleich welcher Begabung in einer Schule die Chance zur langfristig angelegten und ergebnisoffenen Förderung der Begabung bietet. Eine frühe Auslese ist da eher schädlich. Differenzierung ist notwendig, weil die Menschen unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten haben. Diese mit einem Schlag am Ende des 4. Schuljahrs durchzuführen, ist nach meiner Meinung ein Weg, der den Kindern nicht gerecht wird.

Was schlagen Sie vor, um aus dieser Misere herauszukommen?

Dirkmann: Einen runden Tisch aus Eltern, Schülern, Lehrern, Politikern, Vertretern von Handwerk und Wirtschaft. Die am Tisch sitzenden Politiker hören nur zu und fragen nach. Es werden Modelle entwickelt, und der Öffentlichkeit vorgestellt. In einer Volksabstimmung wird ein Modell ausgewählt und gesetzlich verankert... Das ist eine Utopie, ich weiß., aber auch eine Überwindung der unseligen Schlammschlachten zwischen Befürworten des dreigliedrigen und eines integrierten System. Die Politik in Deutschland ist offensichtlich nicht in der Lage, eine wirkliche Lösung, die auch Überwindung der Systeme beinhalten muss, zu bewerkstelligen. Es wird sich nichts verbessern, wenn nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert werden. Solange unsere Gesellschaft Menschen (Arbeitslose und Nicht-Ausbildungsfähige) faktisch wie Ausschuss behandelt, solange Eltern Kinder aus Unvermögen oder Wohlstand verwahrlosen lassen, so lange wird Schule immer neu als Reparaturbetrieb missbraucht. PISA ist nur ein Blitzlicht für gesamtgesellschaftliche Probleme.

 

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